Leseproben



Hallo Papa!

Es wundert Dich vielleicht, dass ich Dir schreibe. Ich habe so etwas schon lange nicht mehr getan, Du vielleicht auch nicht, das Briefeschreiben ist ja auch etwas aus der Mode gekommen. Es tut mir leid, dass wir uns letztes Mal schon wieder gestritten haben. Nun lebe ich schon seit 12 Jahren mein eigenes Leben und jedesmal, wenn ich nach Hause komme, endet es unerfreulich. Früher war es klar, warum wir uns stritten. Ich wollte Deine Regeln nicht akzeptieren, empfand sie als willkürlich, probte den Aufstand. Aber das ist lange her. Und seitdem dachte ich immer, der Grund, dass wir uns streiten, müsste sich doch allmählich erledigt haben. Aber nein, wir nützen jeden Anlass, um weiter zu kämpfen. Warum können wir nicht normal miteinander reden? Könnten nicht zwei gebildete Menschen, die verschiedener Ansicht sind, respektvoll miteinander diskutieren? Könnten sie, wenn sie könnten.

Ich habe darüber nachgedacht. Der Anlass dazu war übrigens nicht, dass ich unter unserem schlechten Verhältnis besonders leiden würde. Schon lange schiebe ich das Thema innerlich beiseite, sobald ich Euch verlasse. Meine Gefühle für Dich sind eher kühl, wenn ich weg bin - und dass wir uns immer streiten, wenn ich da bin, ärgert mich mehr als dass es mich belastet. Dennoch weiß ich: das ist nur die halbe Wahrheit.

Der Anlass war also ein anderer, nämlich dass Elvi und ich uns in den letzten Monaten nicht mehr gut verstanden haben. Es gab keine hässlichen Szenen oder laute Auseinandersetzungen, aber Spannungen. Wir haben uns höchstens über Kleinscheiß gestritten. Ich dachte, das gehört vielleicht zu einer langjährigen Beziehung dazu, aber es ging mir doch sehr auf die Nerven. Neulich nun machte uns ein guter Freund (Michael, dem Du Opas Cello verkauft hast) darauf aufmerksam, dass wir nur noch in Vorwurfssätzen miteinander sprechen: Du hast dies getan und das vergessen, dies nicht gehört und das eigentlich gemeint etc. Es stimmte! Es fiel uns nur überhaupt nicht mehr auf. Er erzählte uns von einer Methode, die "Zwiegespräch" genannt wird, und so verabredeten wir einen Termin, an dem wir nach genau festgelegten Regeln miteinander sprechen wollten (wie eine therapeutische Sitzung, bloß zu Hause und ohne Therapeut).

Die Einzelheiten sind nicht so wichtig, das Wesentliche ist aber ganz einfach: Man darf keine Sätze mehr sagen, die anfangen mit "Du....", sondern nur noch solche mit "Ich...", so dass es eigentlich unmöglich wird, einen Vorwurf zu formulieren! Und weil man alles (ohne unterbrochen zu werden!) sagen kann, der andere aber auf das Gesagte nicht direkt antworten muss (!), sagen und erfahren beide plötzlich Dinge, die sie nie gesagt oder vom andern erfahren hätten. Und das Erstaunlichste: dadurch dass Elvi aufhörte, mir Vorwürfe zu machen, war ich sofort wieder neugierig auf das, was sie empfindet. Als ich versuchte, nur zu formulieren, was ich empfinde, statt ständig zu "wissen", was Elvi meint, bezweckt und will, konnte ich plötzlich nicht nur mich viel besser "sehen", sondern auch sie. Ich hatte sie quasi immer als Spiegel benutzt, der sowohl sie als auch mich verzerrte.

Dann sah ich plötzlich die Parallele: Auch wir beide landen sofort bei den Vorwurfssätzen... Vielleicht kann ich das ja ändern. Ich will es versuchen.

Aber keine Angst, ich verbinde damit kein Programm und auch keine Erwartung oder gar Forderung an Dich. Ich wollte Dir das alles nur erzählen. Mir ist klar geworden, dass Du mich doch noch interessierst. Ich weiß eigentlich nicht so viel von Dir. Du bist nicht nur der Vater, den ich als kleiner Junge mal geliebt haben muss und den ich dann jahrelang bekämpfte. Vielleicht schaffen wir es ja, uns nochmal neu zu begegnen, ich als Erwachsener und Du an der Schwelle zum Alter. Wie ist das eigentlich für Dich, das Älterwerden? Vielleicht können wir uns das nächste Mal ja über etwas anderes unterhalten als über Politik, um nur eins von unsern alten Streitthemen zu nennen. Es wäre schön.

Dein